HdF: Was genau ist Hochsensibilität?
Tanja Gellermann: “Hochsensibilität ist weder eine Krankheit noch eine Störung, sondern eine ererbte Temperamentsausprägung. Ein typisches hochsensibles Kind gibt es nicht, denn eine starke Empfindsamkeit ist nur eines von vielen Wesensmerkmalen, die den Menschen ausmachen. Jedes Kind hat sich unter ganz persönlichen Umständen entwickelt. Deshalb geht es auch nicht um eine Etikettierung mit einer ‚neuen‘ Bezeichnung, sondern um die Möglichkeit bestimmte Temperamente leichter zu erkennen und so einen wertschätzenden und stärkenden Umgang damit finden zu können. Was hochsensible Persönlichkeiten (laut aktuellen Studien zwischen 20 und 34 % der Bevölkerung) ausmacht ist, dass sie Reize viel direkter wahrnehmen und neuronal tiefer verarbeiten. Hochsensible Menschen verfügen über durchlässigere Filter des Nervensystems, was zu intensiverem, oft aber auch differenzierterem Erleben führt. Darum birgt das ständige „auf Draht Sein“ aber auch die Gefahr einer Überreizung.
Ein hochsensibles Kind muss eine enorme Anpassungs- und Denkleistung vollbringen, um seine vielschichtigen Wahrnehmungen und Gefühle einordnen und zwischen wichtiger/ unwichtiger Information unterscheiden zu können. Denn es erlebt Gefühle oftmals doppelt und dreifach. Das heißt es ist auf emotionaler Ebene intensiv beansprucht, was zu einer Überstimulierung des hochsensiblen Nervensystems führen kann. Die Folge sind immer wieder starke, scheinbar unvorhersehbare Gefühlsausbrüche, die Eltern und Lehrer*innen/ Erzieher*innen vor besondere Herausforderungen stellen.”
HdF: Wie macht sich Hochsensibilität im Alltag bemerkbar?
Tanja Gellermann: “Im Alltag drückt Hochsensibilität sich zum Beispiel dadurch aus, dass diese kleinen Vielfühler auf unzählige Dinge achten, winzige Details bedenken, die anderen in der Regel nicht auffallen und oft außergewöhnlich kluge Fragen stellen. Was sie auszeichnet ist eine große Kreativität, unerschöpflicher Wissendurst und eine ausgeprägte Vorstellungskraft.
Nicht selten zeigen hochsensible Kinder und Jugendliche einen eher altersuntypischen Sinn für Humor, interessieren sich für tiefgründige Themen und werden von einem großen Gerechtigkeitssinn geleitet. Sie können, wenn Sie sich sicher, angenommen und wertgeschätzt fühlen, sehr empathisch, offen, kraftvoll und außerordentlich sozialkompetent sein.
Aber es gibt auch die andere Seite: Hochsensible Kinder reagieren oft heftiger auf äußere Faktoren wie grelles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche, Wärme, Kälte, Hunger und Durst. Nicht selten werden sie aufgrund ihrer komplexen Reizverarbeitung und Wahrnehmung als langsam, schüchtern oder gar entwicklungsverzögert empfunden. Oder, im Zustand von Überreizung, auch als unkonzentriert, wehleidig, störrisch, aufbrausend oder unsozial.
Negative Folgen für das Kind entstehen, wenn es sich zunehmend als „anders“ oder gar „falsch“ erlebt. Das passiert schnell, denn Leistungs- und Konkurrenzdenken haben in unserer Gesellschaft immer noch viel Gewicht. Diese Orientierung widerspricht aber den Bedürfnissen hochsensibler Menschen empfindlich, denn ihre innere Richtschnur sind eher Werte wie Innerlichkeit, Gerechtigkeit und Ausgleich.“
HdF: Was brauchen hochsensible Kinder?
Tanja Gellermann: “... (mehr) Aus- und Ruhezeiten, um sich regenerieren und wieder auftanken zu können. Darüber hinaus profitieren sie von Lernstrategien, die ihrem Wahrnehmungsstil angepasst sind. Sie lernen in der Regel ganzheitlich und erfassen die Welt mit allen Sinnen. Sie brauchen Gleichgesinnte und das Gefühl „völlig in Ordnung“ zu sein.
Erhalten sie nicht genügend Freiräume, um ihre reiche Innenwelt auszudrücken, verkümmern ihre wertvollen Potenziale. Die einen ziehen sich möglicherweise in sich zurück oder versuchen ihre Bedürfnisse zu maskieren und sich anzupassen. Andere verweigern sich und nicht selten werden sie daran sogar krank. Psychosomatische Beschwerden wie Hautreaktionen, Schlafprobleme, Tic-Störungen, Kopf- oder Bauchschmerzen, sind keine Seltenheit.”
HdF: Was wäre Ihr Resümee?
Tanja Gellermann: “Zugegeben – das Leben mit Hochsensibilität ist nicht immer leicht, weder für das Kind noch seine Bezugspersonen. Aufgrund ihrer frühen Wahrnehmung von atmosphärischen Störungen und ihrer oft sehr ausgeprägten Empathiefähigkeit, fordern sie ihre Umwelt als authentische Begleiter unablässig heraus.
Aus meiner Sicht profitieren hochsensible Kinder sehr davon, wenn wir ihre Wahrnehmungen nicht in Frage zu stellen, ihre Grenzen respektieren, ihnen mit sehr viel Klarheit begegnen und Sicherheit zu geben. Das sind die Voraussetzungen, damit sie an ihren Grenzen wachsen können. Wenn ihre Bedürfnisse anerkannt, ihre Begabungen gefördert, ihr Anderssein als Bereicherung geschätzt wird und sie sich liebevoll angenommen fühlen, lernen sie Stück für Stück ihre feinsinnige Wahrnehmung anzunehmen und ihre reichen Potenziale als besondere Begabung zu nutzen. Denn eigentlich kann ein hochsensibles Erleben doch durchaus ein Geschenk sein – für das Kind und seine Umwelt.”
Zur Person: Tanja Gellermann (56, selbst hochsensibel, Mutter zweier Kinder) ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Sensitiv Coach in eigener Praxis und spezialisiert auf die Themen Hochsensibilität und körperorientierte Traumaarbeit. Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit bilden die frühen Prägungen aus Schwangerschaft und Geburt sowie die bindungsfördernde Begleitung von Schwangeren und jungen Familien.
Website: https://www.wahrnehmungsbegabt.de